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memoir · by a contemporary
Kriegsgefangen
Theodor Fontane (1819–1898)
Named on the page for Battle of Wörth (1870).
draft Matched to the battle automatically; not yet reviewed.
Passages that name the battle; the whole book is at Project Gutenberg.
6 August 1870
Battle of Wörth (1870)
Es war naßkalt; ein heftiger Regen hatte erst gegen Morgen aufgehört; alle Thüren des Wartesaals standen offen. Ich fand hier Gesellschaft, die gleich mir ins Land hinein transportirt werden sollte, aber nicht nach Besançon. Einer von ihnen war ein gefangener Unteroffizier vom 32. Regiment (Meiningen). Wir fröstelten alle, die Gensdarmen in ihren Mänteln nicht ausgenommen. Nach etwa halbstündigem Warten setzten wir uns in ein Coupé (immer 2. Klasse) und fuhren südwärts. Ich fragte, ob ich mich mit meinem Landsmann in deutscher Sprache unterhalten könne, was ohne Weiteres zugestanden wurde. In welche Lebensschicksale man in solchen Zeiten Einblick gewinnt! Dieser gefangene Unteroffizier, seines Zeichens eigentlich ein kleiner Kaufmann aus Cöslin, war 24 Jahre alt und seit zwei Jahren verheirathet. Mit dem Moment seiner Einberufung hatte er seinen Kramladen geschlossen und seine Frau den Schwiegereltern zurückgeschickt; er selbst war zum 32. Regiment beordert worden. Bei Wörth am Knie verwundet, hatte er nach seiner Wiederherstellung sich mit einigen Kameraden durchzuschlagen und die preußischen Marschlinien wieder zu gewinnen gesucht, war aber auf diesem Wege »beim Absuchen eines Dorfes« (denn die armen Kerle hatten nichts) von Franctireurs umstellt und nach kurzem Kampfe, wobei ihm die linke Hand zerschmettert wurde, als »Marodeur« eingefangen worden. Da saß er mir nun gegenüber, keinen Pfennig in der Tasche, blaß, rothblond, mager, ein krankes Eichkätzchen, nur weniger warm bekleidet. Er hatte nichts als seinen Waffenrock, seine zerschossene Hand und eine Photographie seiner Frau, die er mir zeigte. Ich gab ihm etwas Geld, was er anfangs nicht nehmen wollte; »er brauche nichts, allabendlich werde er in ein französisches Hospital abgeliefert, wo ihn die »Schwestern« bis diesen Tag gütig gepflegt und verbunden hätten.« Es kam kein Klagelaut über seine Lippen; man transportirte ihn nach Marseille. »Da ist es wärmer« setzte er hinzu, während ihn die Morgenfrische kalt überlief.
Wenn mir nun die Schneidigkeit Rasumofskys so gut wie gewiß war, so war ich seiner #Findigkeit# ganz und gar sicher. Es war ganz unglaublich, was er alles »gefunden« hatte, namentlich in den Tagen, die dem Siege von Wörth unmittelbar folgten. Mehrere Spiele Karten, eine Straußenfeder, ein schwarzer Schleier mit Goldsternchen, eine Flasche Anisette. Diese war das Beste. Ein paar französische Generals-Epauletten begleiteten ihn mehrere Tage und bildeten noch in Oléron den Lichtpunkt seiner militairischen Erinnerungen, aber er brachte es mit ihnen nicht über einen idealen Genuß hinaus, der zuletzt zu einer freiwilligen Trennung führte. »Wo haben Sie sie denn gelassen?« »Ich habe sie wieder weggeworfen.« Dabei klang nichts von Klage oder Betrübniß mit ein; nur die Freude lachte ihm aus den Augen, das blanke Spielzeug ’mal besessen zu haben. Das ist die echte Findigkeit. Die Freude auch an dem, was man nicht brauchen kann.
Public domain. Text from Project Gutenberg.